Repräsentative Befragung zum VW-Abgasskandal:

Zentrale Ergebnisse zur VW-Abgasskandal-Befragung (PDF-Download)

Wir wussten bisher relativ wenig über das aktuelle Urteil der Bürgerinnen und Bürger zum VW-Abgasskandal. VW hat selber repräsentative Befragungen in Auftrag gegeben, hält jedoch, wie wir von Whistleblowern aus dem VW-Konzern erfahren haben, diese nicht gerade schmeichelhaften Beurteilungen unter Verschluss. Verständlich, aber nicht hinnehmbar für die Öffentlichkeit und die Aktionärsversammlung am 10.05.2017 in Hannover.

Deshalb ist eine aktuelle bevölkerungsrepräsentative Befragung vom Forschungsinstitut Quotas (Hamburg) im Auftrag von Prof. Peter Grottian (FU Berlin / wissenschaftlicher Beirat von attac) von Ende März / Anfang April 2017 höchst aufschlussreich. Die wichtigsten Befunde und ihre erste Interpretation:

  1. Verantwortlichkeit von VW-Konzern und Politik oft gleichermaßen schlecht bewertet. Die Befragten sollten zunächst nach einer notwendigerweise gekürzten und allgemeinen Schilderung des VW-Abgasskandals Schulnoten vergeben. Die Bundesregierung und VW erhalten die fast gleichschlechten Durchschnittsnoten 4,3 und 4,4, während Umwelt- und Verbraucherverbände (3,6) und vor allem die Medien mit 3,3 noch am besten abschneiden. Kurzum: Der VW-Abgasskandal wird als Unternehmens- und Politikversagen gleichermaßen eingestuft. Darauf weisen auch andere allgemeine Fragen hin. 56,4 % sind eher unzufrieden oder vollkommen unzufrieden mit der Aufarbeitung des VW-Skandals. Der Hintergrund: Die Bürger haben eine relativ realistische Einschätzung von der Macht des VW-Konzerns: 75,9 % aller Befragten haben den Eindruck, die Bundesregierung vertrete eher oder überwiegend Unternehmer- statt allgemeiner Bürgerinteressen.

  2. Die Bürger wissen und beurteilen schon ziemlich genau, was schlecht gelaufen ist. Für völlig unakzeptabel halten die Bürger die weitere Vertuschung des Skandals durch Nicht-Veröffentlichung der Ergebnisse der von VW eingesetzten Untersuchungskommission. Die große Mehrheit von 59,8 % lehnt die Nicht-Veröffentlichung ab und fordert eine wirklich unabhängige Untersuchungskommission (84,6 %). Scharf kritisiert wird, dass VW bisher keine Entschädigungen angeboten hat und die Bundesregierung konstruktive Interventionen oder Moderationen nicht einmal ernsthaft versucht hat.

  3. Bürger wollen weitgehende Konsequenzen: Eindeutige Forderungen, ein “Hauch von individuellem Boykott”, aber wenig Protestpotential. Eine überwältigende Mehrheit von 84,6 % votiert für eine Entschädigung der VW-Kunden in Deutschland. Dabei sind die Bürger auch in Abwägung der Unternehmerinteressen weder maßlos noch unverschämt. Sie wären wohl mit 3.000 € zufrieden. Es geht den Bürgern eher um ein glaubwürdiges Symbol für den Schaden, den VW mit atemberaubender Kaltschnäuzigkeit angerichtet und bisher ausgesessen hat. Angesichts der Gewinne von VW wäre ein solcher Entschädigungsbeitrag auch leistbar – und bliebe weit unter den amerikanischen Entschädigungsmodalitäten (ca. 7 Mrd. €). Für einen solchen Aushandlungsprozess wäre mutmaßlich ein Runder Tisch der Bundeswirtschaftsministers und des Bundesverkehrsministers mit der Automobilindustrie, den Geschädigtenvertretern, Gewerkschaften sowie Umwelt- und Verbraucherverbänden geeignet, konsensfähig und gewollt (77,6 %).

  4. Die Gretchenfrage aber, ob die Bürger so unzufrieden sind, dass sich aus dem VW-Abgasskandal ein echter gesellschaftlicher Konflikt entwickeln könnte, muss zur Zeit vorerst mit einem NEIN beantwortet werden. VW spürte zwar den Einbruch der Absatzzahlen bei PKW in Deutschland (Quelle: Kraftfahrzeugbundesamt: Februar 2017 -7,4 %, im März 2017 -4,3 %) konnte aber vor allem mit dem Absatz in China seine Bilanzen retten. Der Unmut kocht vor allem bei denjenigen hoch, die direkt vom VW-Abgasskandal betroffen sind und denjenigen, die Gründe angeben, einen VW in nächster Zeit nicht kaufen zu wollen. Für 47,9 % kommt der Kauf eines VW-Autos nicht in Frage – und als ausschlaggebenden Grund geben sage und schreibe 48,2 % den VW-Abgasskandal an. Von den VW-Besitzern wollen sich mutmaßlich 21,4 % gegen einen VW entscheiden – ein Befund, den die VW-Verantwortlichen alarmieren müsste. Bei den Kunden, deren Fahrzeug vom VW-Abgasskandal betroffen ist, liegt dieser Anteil mit 32,6 % noch höher – mit der methodischen Einschränkung diesen Befund wegen der geringeren Stichprobe nur als Trend auszuweisen. Das macht verständlich, warum die Bürger insgesamt dem Protestmittel des Boykotts aufgeschlossen gegenüberstehen. 53,7 % befürworten für eine Demokratie das Protestmittel Boykott und immerhin 60,4 % würden einen befristeten Boykottaufruf gegen VW befürworten. Der eher bescheidene Erfolg unser im Januar 2017 gestarteten Kampagne „VW-Boykott“ (www.vw-boykott.com) weist darauf hin, dass zwischen „Fordern“ und „Machen“ zuweilen Welten bestehen und nur ein größeres Bündnis von Verbraucherverbänden, Ökologieinitiativen und der Öffentlichkeit in der Lage wäre, eine gewisse Gegenmacht zu entwickeln. Dazu ist es aber bisher nicht gekommen.

  5. Der Kessel des VW-Abgasskandals brodelt. Die strukturelle Komplizenschaft von Politik und VW hat den gesellschaftspolitischen Konflikt durch Beschweigen, Umleiten und Aussitzen noch unter Kontrolle – mit dem Befund der repräsentativen Befragung, dass die Bürger es als eine Zumutung empfinden, einen solchen Skandal aushalten zu müssen – und eher bislang den Weg des eher leisen, individuellen Protests gehen.

 

FREIE UNIVERSITÄT BERLIN

Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften

Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft

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