Interview von „Sand im Getriebe“ mit Peter Grottian am 3.2.17

SIG: Fünf Mio Menschen konnten die VW-Boykott-Kampagne bisher wahrnehmen, die Berichterstattung in den Medien war überwiegend freundlich, die Mehrheit der Kommentare war zustimmend – aber es gab auch kritische Kommentare, weniger Brass-Mails: Wie können Sie eine solche Kampagne lostreten und einem großen, für die Volkswirtschaft wichtigen Konzern schaden?

P.G.: Ich schade nicht dem Konzern, den Schaden haben die VW-Verantwortlichen angerichtet. Nur wer den Schaden mit Aufklärung und Entschädigung behebt, steht auch wieder gerade vor seinem Kunden und der Öffentlichkeit. Aber die VW-Oberen wollen bisher keine wirkliche Aufklärung – gerade haben die VW-Oberen kaltschnäuzig erklärt, sie hätten wichtige Untersuchungsunterlagen den amerikanischen Justizbehörden zur Verfügung gestellt – und deshalb bedürfe es keiner Veröffentlichung mehr. So arrogant und machtbesoffen war kein Skandal-Unternehmen mehr seit dem Contergan-Skandal. Es war schon starker Tobak, dass keine Untersuchungskommission bei VW eingesetzt wurde, die man unabhängig und nicht bezahlt nennen könnte, aber jetzt auch noch zu sagen, wir brauchen keine Untersuchungsergebnisse – das grenzt schon an eine VW-Sebstgerechtigkeit hoch drei. Und Parteien nehmen das einfach hin, außer ein paar kritischen Artikeln in der FAZ nichts gewesen.

SIG: Aber nochmals – Sie wollen ja potentielle VW-Käufer nachdenklich machen, ja davon abhalten den nächsten VW zu bestellen?

P.G.: Der stille Boykott der VW-Käufer – in welchem Ausmaß auch immer – läuft ja längst. Im November und Dezember 2016 haben wir bei der Nachfrage in Deutschland einen Einbruch von ca. 17% bei den Neuzulassungen beobachten können. VW steht in Europa und den USA relativ schlecht da, während der Markt in China VW den Absatz rettet. Aber das scharfe Schwert des Boykotts ist gleichwohl angemessen, weil die VW-Oberen einfach nichts lernen wollen. Der Ex-Chef Winterkorn will vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages nichts gehört und gesehen haben, der jetzige VW-Chef Müller stoppt alle Untersuchungen – obwohl der mehr als tausend Seiten starke Bericht der Kanzlei Jones Day längst fertig ist. Und der ahnungslose Verkehrsminister Dobrindt legt VW in die Hasenfurche, um ja nicht die Automobilindustrie zu verprellen. Dobrindt ist der Ober-Vertuscher des Skandals Niedersachsens Ministerpräsident Weil gehört nur zu den leicht blökenden Schafen und kommt noch nicht einmal auf die Idee zwischen VW-Geschädigten, den Umwelt- und Verbraucherverbänden und dem VW-Konzern zu vermitteln. Er kennt ja den Wolfsburger Sumpf, der nicht zum ersten Mal stinkt.

SIG: Aber wie erklären Sie dem VW-Facharbeiter, dass ein VW-Boykott ein brauchbares Protestmittel ist?

P.G.: Zugegeben, das ist schwierig, weil der gut arbeitende Facharbeiter seine Arbeit mag, ein gutes Verhältnis unter den Kollegen pflegt, ein Haus in Ost-Niedersachsen hat und mit seiner Familie einigermaßen zufrieden lebt. Der VW-Facharbeiter ist aber auch interessiert daran, dass sein Laden nicht seit 18 Monaten nur negative Schlagzeilen bekommt und weder die Belegschaft, noch die IG Metall, noch die SPD sagen, wie man die VW-Krise besser bewältigen könnte. Was hilft die ganze Mitbestimmung, wenn die VW-Arbeiter nicht den Mund aufkriegen und die IG Metall und der Betriebsrat das Lied des Konzerns singen? Es ist ja so, wie wir von zwei Whistleblowern wissen, dass die Belegschaft schon kritisch mit dem Skandal umgeht – aber letztlich schweigt, weil sie verständliche Angst vor dem Arbeitsplatzverlust hat. Aber die Hinnahmebereitschaft muss ja nicht grenzenlos sein – und so ist es doch kein Zufall, dass eine nicht gerade kleine Zahl von Ingenieuren und Technikern darüber nachdenkt, den VW-Konzern zu verlassen.

SIG: Sehen Sie denn den VW-Konzern in Gefahr?

P.G.: Ja, weil er sich so halsstarrig benimmt und bisher sich weigert, den VW-Geschädigten zumindest eine Entschädigung von 1.000-3.000 € zu zahlen. Das wäre zwar – verglichen mit den USA – immer noch eher symbolisch und wäre verkraftbar – aber noch nicht einmal das. Auch Unternehmen können augenmaßlos und kleinkariert sein. Gefahr droht dem Konzern aber noch von einer ganz anderen Seite: Protzig verkünden sie, mehr abzusetzen als Toyota, aber augenscheinlich ist schon, dass Winterkorn und Co. die Elektromobilität verpennt haben. Das wird zu den Entlassungen führen, die befürchtet werden.

SIG: Wie haben denn die Parteien, vor allem die Oppositionsparteien auf den Boykott-Aufruf reagiert?

P.G.: Im Vorfeld des Wahljahres ist alles komplizierter. DIE LINKE leitet mit Herbert Behrens den VW-Untersuchungsauschuss des Bundestages. Bisher ist fast nichts dabei erhellt worden. Alle haben fast nichts gewusst oder „Signale“ nicht ausreichend gedeutet, mein Name ist Hase, lautet das Motto. Die Grünen haben sich zum Boykott bisher ebenso nicht verhalten wie DIE LINKE. In beiden Parteien gibt es einen Gewerkschaftsflügel, der eine Stellungnahme blockiert – aber in Wahrheit ist es die blanke Angst, sich mit einem so großen Konzern anlegen zu wollen.

SIG: Sie versuchen ja auch die VW-Geschädigten zu mobilisieren – gelingt das?

P.G.: Die VW-Opfer suchen zumeist den juristischen Beistand. Sie gehen zu einflussreichen und zahlungskräftigen Kanzleien, die ihre Rechte vertreten sollen. Dazu müssen die Geschädigten mal gleich 1.000-2.000 € Vorschuss auf den Tisch legen oder unterschreiben, dass sie bei einer erfolgreichen Klage 35-40% ihrer Entschädigung an die Kanzlei abführen müssen. Im Klartext: Ein Geschäft zumeist von Abzockern – vor allem, wenn man weiß, dass die Klage bisher mit einer Ausnahme erfolglos waren und Justizminister Maas und Verkehrsminister Dobrindt die Idee einer deutschen Konstruktion von Sammelklagen schon wie eine heiße Kartoffel haben fallen lassen.

SIG: Wie wollen Sie jetzt weitermachen?

P.G.: Wir sind mit dem bisherigen Verlauf der Kampagne recht zufrieden. Wir planen:

  • Die Veröffenlichung einer repräsentativen Befragung zur Angemessenheit und Akzeptanz des Boykotts als politisches Protestmittel.
  • Eine Protestaktion bei Robert Bosch, dem wegduckenden Einflüsterer des VW-Skandals
  • Den „Besuch“ der Berlinale, weil diese von Audi/VW gesponsert wird.
  • Eine Denkmalserrichtung von Piëch und Winterkorn in Berlin, München und Salzburg – als Dank an die Bürgerinnen und Bürger an die „weitsichtigen, aber hörgestörten Konzernlenker“ des Konzerns.
  • Ein Auftritt innerhalb und außerhalb der VW-Hauptaktionärsversammlung im Mai in Hannover

In der Diskussion ist schließlich ein Automobilindustrie-Tribunal.

SIG: Wir danken für das Gespräch.